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Periskop 2008 / 01
Nadia Chabbi
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Ein Interview mit Frau Nadia Chabbi, IHK Berlin Bildungspolitik & Berufsbildung allgemein
Projekt: Partnerschaft Schule - Betrieb


Periskop
Wie ist das Projekt Partnerschaft Schule – Betrieb entstanden?

Frau Chabbi
Die IHK Berlin hat eine Initiative gestartet, um Schulen und Betriebe in der Stadt in einen besseren Kontakt miteinander zu bringen. Mit dem Projekt Partnerschaft Schule – Betrieb koordiniert die IHK Berlin eine praxisnahe Zusammenarbeit von einzelnen Schulen und Betrieben in räumlicher Nähe und möchte so dazu beitragen, dass sich Wissen und Informationen beider übereinander verbessern. Letztlich geht es um das Wohl der Jugend, in deren Verantwortung Schulen und Betriebe stehen.

Periskop
Wann wurde dieses Projekt gegründet?

Frau Chabbi
Das Projekt startete im Jahr 2000.

Periskop
Aus welcher Initiative heraus wurde es gegründet?

Frau Chabbi
Motiviert durch die wachsende Sorge der Berliner Ausbildungsbetriebe über die unzureichende Ausbildungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler in dieser Stadt hat die IHK Berlin das Projekt „Partnerschaft Schule-Betrieb“ initiiert. Auch die Schulen sind durch die großen Schwierigkeiten ihrer Schüler und nicht zuletzt durch die Ergebnisse der PISA-Studie aufgerüttelt und fühlen sich stärker verpflichtet, sich um die Anforderungen zu kümmern, die an die Jugendlichen in der Berufsausbildung gestellt werden.

Periskop
Bestanden Vorurteile von Seiten der Wirtschaft/der Schulen?

Frau Chabbi
Die verständliche Befürchtung vieler Pädagogen und Bildungspolitiker davor, dass eine Orientierung an einseitigen Interessen eine umfassende Bildung und Förderung aller Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen behindern könnte, hat erheblich dazu beigetragen, dass eine große Distanz zwischen Schule und Wirtschaft entstanden ist, die letztlich zu Lasten der Jugendlichen geht. Ziel aller Bildung ist es, Menschen instand zu setzen, ihr Leben zu gestalten und die Gesellschaft verantwortlich mitzugestalten. Dazu gehört für jeden Einzelnen, auch in der Wirtschaft arbeits- und erwerbsfähig werden zu können. Die Wirtschaft ist schließlich ein elementarer Bestandteil der Gesellschaft.

Periskop
Gab es irgendwelche rechtlichen Hindernisse?

Frau Chabbi
Es gab weder von den Betrieben noch von den Schulen irgendwelche Hindernisse.

Periskop
Welche Voraussetzungen müssen die Kooperationspartner erfüllen, um am Projekt teilzunehmen?

Frau Chabbi
Die Kooperationsprojekte berücksichtigen in gegenseitiger Absprache das Schulprofil, die jeweilige pädagogische Konzeption, und schneiden Projekte auf die jeweiligen Schülerinnen und Schüler zu. In gleichem Maße müssen die Schulen in ihren Konzepten Vorschläge machen, was sie im Sinne einer fruchtbaren Zusammenarbeit den Betrieben anbieten können. Inhalt einer solchen Zusammenarbeit soll sein, dass Betriebe kontinuierlicher als Lernort für Schülerinnen und Schüler genutzt werden. Ein gegenseitiger Austausch trägt dazu bei, den Unterricht realitätsbezogener zu gestalten, den Bezirk als Wirt-schaftsstandort kennen zu lernen und zu nutzen, sich in bestimmten Fachbereichen, z.B. in den Informations- und Kommunikationstechnologien mit Unterstützung des Betriebes realistischer am Arbeitsmarkt zu orientieren. Betriebsangehörige werden in den Unterricht einbezogen, um den Betrieben die Gelegenheit zu geben, sich über die Schulen besser zu informieren.

Periskop
Wie gewinnen Sie die Kooperationspartner?

Frau Chabbi
Die Kooperationen ergeben sich durch die direkte Ansprache, über das Internet, in dem das Projekt und das Verfahren ausführlich behandelt wird, durch Publikationen und letztendlich durch Empfehlungen.

Periskop
Was sind die häufigsten „Hürden“, um Partner zu gewinnen?

Frau Chabbi
Meistens mangelt es schlicht und einfach an der Zeit.

Periskop
Wie viele Schule/Firmen sind am Projekt beteiligt?

Frau Chabbi
Im Moment haben wir über 150 Kooperationen, davon sind über 80 Schulen und 110 Betriebe.

Periskop
Welche Erwartungen haben Firmen/Schulen, um sich am Pro-jekt zu beteiligen?

Frau Chabbi
In erster Linie sollen die Schüler einen bessere Einblick in das Berufsleben erhalten.

Periskop
Ist die Beteiligung der Schulen freiwillig?

Frau Chabbi
Ja, sie ist ausschließlich freiwillig, denn es gehört nicht zu den Pflichtaufgaben der Schulen.

Periskop
In wie weit hängt die Beteiligung der Schulen vom Engagement der Lehrer ab?

Frau Chabbi
Es hängt nicht nur von dem Engagement der Lehrer ab, viel wichtiger ist die Unterstützung und Befürwortung durch die Schulleiter.

Periskop
Welche Regeln müssen die Partner einhalten?

Frau Chabbi
Sie müssen eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnen, in der festgehalten wird, wie das Projekt zu gestalten ist.

Periskop
Nach welchem Konzept läuft die Zusammenarbeit?

Frau Chabbi
Das Konzept heißt Freiwilligkeit. Wir bieten regelrecht nur Gestaltungsmöglichkeiten an. Wie zum Beispiel:

Von Seiten der Betriebe:
- Orientierungshilfe für Jugendliche auf dem Ausbildungsmarkt
- Betriebsbesichtigungen und -Erkundungen
- Betriebspraktika
- Erprobung neuer Praktikummodelle
- Vorbereitung auf Bewerbung
- Info-Material zur Berufsvorbereitung und über Berufsbilder
- Berichte über Veränderungen der Arbeitswelt
- Beratung von Schülerinnen in Männerberufen
- Beratung von Firmen für Schülerfirmen
- Benennung von Auszubildenden als Ansprechpartner für Schüler und Lehrer
- Seminare für Lehrkräfte
- Gemeinsame Seminare von Ausbildern und Lehrkräften zu Unterrichtsmethoden
- Hospitanz von Lehrkräften im Betrieb
- Kunst- und Musikangebote für Firmen
- Benennung von Ansprechpartnern für Drogenberatung, Mediationstraining und Gewaltprävention

Von Seiten der Schulen:
- Nutzung von Schulräumen für die Weiterbildung
- Beratung von Firmenangehörigen in Schulfragen
- Hilfe für Kleinbetriebe bei der Erstellung einer Homepage
- Sprachunterricht (z.B. Englisch)
- Nachhilfe für Auszubildende in allgemeinbildenden Fächern
- Unterstützung bei Firmenveranstaltungen


Periskop
Können Sie einige positive Praxisbeispiele nennen bzw.auch negative?

Frau Chabbi
Wir dokumentieren und evaluieren die Kooperationen. Als Positivbeispiel ist natürlich die Rütli-Schule am bekanntesten. Negativbeispiele werden behoben, indem neue Kooperationspartner gesucht werden.

Periskop
Gibt es aus dieser Zusammenarbeit Übernahmen in Ausbildungsverhältnisse?

Frau Chabbi
Ja, es haben sich zahlreiche Ausbildungsverhältnisse aus den Kooperationen Schule – Betrieb ergeben.

Periskop
Haben Schüler ohne Schulabschluss auch die Chance, durch dieses Projekt einen Einstieg in die Arbeitswelt zu erhalten? Gibt es Praxisbeispiele?

Frau Chabbi
Theoretisch schon, aber viel wichtiger ist die Motivation der Schüler, einen Abschluss zu erlangen durch eine Kooperation mit einem Betrieb, in dem sie sich beweisen können.

Periskop
Gibt es sonstige Initiativen seitens der IHK, insbesondere für Schüler ohne Schulabschluss?

Frau Chabbi
Nicht direkt, aber wir unterstützen das Projekt Netzwerk Hauptschule.

Periskop
Gibt es Vorschläge/Ansätze seitens der IHK hinsichtlich Gesetzgebung bzw. Schulen, Jugendliche ohne Schulabschluss aufzufangen?

Frau Chabbi
Ja, die Einstiegsqualifizierung mit IHK-Zertifikat: Jugendliche erhalten mit der Einstiegsqualifizierung die Möglichkeit, in einem Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten Teile eines Ausbildungsberufes, einen Betrieb und das Berufsleben kennen zu lernen. Die Einstiegsqualifizierung dient als Türöffner für Ausbildung oder Beschäftigung.

Periskop
Vielen Dank für das Gespräch.