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Periskop 2008 / 01
Dr. Margarete Böhm
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Jugendliche ohne Abschluss - ein Fall durch das Raster?

Fast 1 Million Jugendliche verlassen jedes Jahr die allgemeinbildenden Schulen, darunter haben ca. 8 % keinen und ca. 25 % einen Hauptschulabschluss. Um die 40 % erreichen einen mittleren Bildungsabschluss, ca. 25 % verlassen die Schule mit (Fach-)Hochschulreife. (vgl. Tabelle 1)

Vergleicht man die Zahl der Abgänger aus allgemeinbildenden Schulen mit der Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge, so wird deutlich, dass
- trotz steigenden Angebotes an Ausbildungsplätzen im Jahr 2007 der Versorgungsgrad von 2000 noch nicht wieder erreicht wurde,
- das Angebot an außerbetrieblichen Ausbildungsplätzen eklatant zugenommen hat, - das abnehmende Angebot an Ausbildungsplätzen von 2000 bis 2005 die Zahl der Altbewerber, die schon länger auf einen Ausbildungsplatz warteten, hat steigen lassen.
Waren von den als Bewerber um einen Ausbildungsplatz bei der Bundesagentur für Arbeit registrierten 770.348 Jugendlichen im Jahr 2000 40 % Altbewerber (ca. 308.000), so waren es im Jahr 2007 52,4 % (=385.000). (vgl. Tabelle 2).

Die Zusammensetzung der bei der Bundesagentur registrierten Bewerber unterscheidet sich von der der Schulabgänger dahingehend, dass mehr Jugendliche mit Hauptschul-, z.T. auch mit mittleren Abschlüssen um einen Ausbildungsplatz nachfragen, d.h. die Konkurrenz beim Übergang in eine betriebliche Ausbildung nimmt zu, auch für die besser Qualifizierten (s. Tabelle 3).

Auch bei der außerbetrieblichen Berufsausbildung steigt der Anteil der besser Qualifizierten, während der der Abgänger ohne Schulabschluss abnimmt, d.h. die Chancen für die Leistungsschwächeren sinken (vgl. Tabelle 4)

Da auch bei Jugendlichen mit abgeschlossener Berufsausbildung die Arbeitslosigkeit hoch ist, verschärfen sich die Probleme derjenigen, die weder einen beruflichen noch einen schulischen Abschluss vorzuweisen haben. Dieser allgemeine Trend reflektiert sich auch in den Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit (s. Tab. 5 und 6).

Tabelle 1
Schulabgänger aus allg. bildenden Schulen (absolut) nach Schulabschluss (in %)
2000
2002
2003
2004
2005
Schulabgänger
937.890
936.407
947.887
986.317
958.485
ohne Schulabschluss
9,2
9,1
8,9
8,3
8,2
Hauptschulabschluss
25,4
25,5
26,0
25,0
24,8
mittlerer Bildungsabschluss
39,6
40,3
40,5
42,6
41,6
(Fach-)Abitur
25,6
25,1
24,6
24,1
25,4
Quelle: IAB Kurzbericht Nr. 2/30.1.2007: Die Schwächsten kamen seltener zum Zug


Tabelle2
Schulabgänger und neu abgeschlossene Ausbildungsverträge
 2000
2002
2003
2004
2005
 2007
Schulabgänger
937.890
936.407
947.887
986.317
958.485
965.178
neu abgeschl. Ausb.verträge
621.693
572.232
557.612
572.980
550.180
  625.914
außerbetriebl.Ausb.plätze
34.729
35.229
 33.352
31.057
 26.695
93.380
% Ausb.verträge/Schulabg.
66,3
61,1
58,8
 58,1
57,4
64,8
Schulabg.-Ausb.vertr.
316.197
  364.084
390.275
413.337
 408.305
339.264
Bewerber BA
770.348
711.393
717.877
 736.109
740.693
734.276
Altbewerber %
40
 43
45
46
46
 52
Quelle: s.o. und BIBB: Deutliche Fortschritte in 2007 bei der Bekämpfung des Ausbildungsplatzmangels

Tabelle 3
Ausbildungsplatzbewerber bei der BA (absolut) nach Schulabschluss (in %)
2000
2002
2003
2004
2005
           
Bewerber
770.348
711.393
717.877
736.109
740.693
ohne Schulabschluss
5,7
6,3
6,4
6,2
5,5
Hauptschulabschluss
30,8
32,8
33,9
34,0
33,8
mittlerer Bildungsabschluss
48,7
48,7
48,0
 48,0
48,3
(Fach-)Abitur
14,8
12,1
11,.7
11,8
12,4
Neuzugänge aus berufl.und allg.bild.Schulen
60
57
 55
 54
  54
Altbewerber
 40
43
 45
 46
 46
Quelle: s.o.


Tabelle 5
Arbeitslose Jugendliche absolut nach Schulabschluss und Berufsausbildung in %
2000
 2002
 2003
2004
 2005
           
Arbeitslose Jugendliche jeweils Sep
446.515
512.964
515.949
526.328
621.829
ohne Schulabschluss  
 12,2
11,8
 11,6
11,6
15,6
Hauptschulabschluss
39,1
39,7
 40,6
40,5
39,8
mittlerer Bildungsabschluss
32,4
33,3
34,6
35,8
32,9
(Fach-)Abitur
 16,2
15,2
 13,2
12,1
11,6
ohne abgeschl. Berufsausbildung
55,4
47,4
42,1
39,9
48,5
mit abgeschl. Berufsausbildung
44,6
52,6
 57,9
60,1
51,5
Quelle: s.o.

Tabelle 6
2000
2002
2003
2004
2005
           
Arb.lose Jugdl.in ausgw.Maßnahm.
388.207
502.777
560.389
513.773
536.244
ohne Schulabschluss
11,7
10,9
11,3
11,4
15,4
Hauptschulabschluss
44,1
42,9
42,7
42,9
43,1
mittlerer Bildungsabschluss
38,0
39,5
38,9
39,0
35,5
(Fach-)Abitur
6,2
6,8
7,1
6,7
6,0
ohne abgeschl. Berufsausbildung
46,4
40,3
39,0
37,6
43,5
mit abgeschl. Berufsausbildung
53,6
59,7
61,0
62,4
56,5
Quelle: IAB Kurzbericht 2/30.1.2007: Die Schwächsten kamen seltener zum Zug

 

Für das Jahr 2007 ergibt sich laut Bericht des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) folgendes Bild:
Schulabgänger aus allgemeinbildenden Schulen
 965.178
Neu abgeschlossene Ausbildungsverträge
-  625.914
=339.264
Ausbildungsplatzbewerber bei der BA
734.276
100,0 %
Über die BA eingemündete Ausbildungsverträge
- 319.788
43,6%
Ohne Ausbildungsvertrag
=414.488
56,4%
Alternativen (weit. Schulbesuch, Berufsvorbereitung, Arbeit)
- 157.506
21,5%
Keine Vermittlung mehr gewünscht
- 145.414
 19,8%
Weiterhin gewünschte Vermittlung
=111.568
15,2%
Alternativen (weit. Schulbesuch, Berufsvorbereitung, Arbeit)
-  82.466
 11,2%
Unversorgt
= 29.102
  4.0%

Von den 734.276 Bewerbern um einen Ausbildungsplatz erhielten 319.788 oder 43,6 % einen Ausbildungsvertrag, während 56,4 % oder 414.488 leer ausgingen. (D.h. rein rechnerisch ergeben sich so 306.126 Jugendliche, die ohne Hilfe der BA einen Ausbildungsplatz fanden). Von diesen verschwanden 157.506 in sog. Alternativen (weiterer Schulbesuch, Berufsvorbereitung, Arbeit), 145.414 (19,8 %) verzichteten auf weitere Vermittlung und scheiden somit aus der Statistik aus. Von den verbliebenen 111.568, die weiterhin auf die Vermittlung eines Ausbildungsplatzes über die BA hoffen, verschwanden wiederum 82.466 in sog. Alternativen, so dass „nur noch“ 29.102 Bewerber als unversorgt geführt zu werden brauchen.

Wenn also von 622.708 abgeschlossenen Vermittlungen für das Jahr 2007 die Rede ist (1), so heißt das: 319.788 (51,3% von 622.708) Verträge, plus 157.106 (25,2%) Jugendliche in Alternativen, plus 145.414 (23,4%) von weiterer Vermittlung Abstand Nehmende.

„Mehr offene Angebote als unversorgte Bewerber“ titelte die Bundesagentur für Arbeit Ende Januar 2008. Die Rechnung geht so: 29.100 nicht versorgte Bewerber verringerten sich bis Mitte Januar 2008 auf 11.300; die Zahl der 18.400 unbesetzten Plätze sank auf 4.200. Ergeben zusammen mit 19.500 Plätzen für Einstiegsqualifizierungen 23.700 Plätze für 11.300 Bewerber. Dass die Zahl der Unversorgten demnach stärker zurückging (-17.800) als die der unbesetzten Ausbildungsplätze (-14.200) wird dabei nicht mehr erwähnt, ebenso wie die Tatsache, dass Einstiegsqualifizierungen nichts anderes als vorübergehende „Parkplätze“ sind.
Bei solcher Rechnung ist von offizieller Seite alles in Ordnung, falls noch jemand Probleme haben sollte, hat er sich diese selber zuzuschreiben.

Was nun Jugendliche ohne Abschluss betrifft, so weist Heike Solga(2) darauf hin, dass sie tendenziell dem „Paradox der integrierten Ausgrenzung“ anheim fallen. D.h. einerseits „Integration“ durch Maßnahmen, andererseits gerade dadurch institutionelle Ausgliederung, im ungünstigen Fall bis auf weiteres.

Seit der Pisa-Studie wissen wir, dass in Deutschland der Einfluss des Elternhauses bei der Schul- und Berufswahl immer noch eine entscheidende Rolle spielt. Das ist nach der Deprivatisierung der Erziehung durch die Nationalsozialisten auch nicht weiter verwunderlich, doch haben Jugendliche ohne Abschluss mit ungünstigem sozialen Umfeld dabei besonders schlechte Karten.


(1) BIBB: Deutliche Fortschritte in 2007 bei der Bekämpfung des Ausbildungsplatzmangels, www.bibb.de
(2) Heike Solga, Das Paradox der integrierten Ausgrenzung von gering qualifizierten Jugendlichen, www.bpb.de


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Schließlich ist einem nicht erreichten Schulabschluss bereits eine längere Geschichte vorausgegangen, sei sie durch ein bildungsfeindliches Umfeld oder durch soziale Überforderungen geprägt. Eine institutionelle Aussonderung haben diese Jugendlichen bereits auf der Schule erlebt, beim Eintritt ins Berufsbildungssystem kommt eine weitere hinzu. Da sie ein oder mehrere Jahre länger auf der Schule verbracht haben als ihre Mitschüler, also auch älter sind, haben sie von vornherein eine schlechtere Ausgangsposition. Infolge allgemein gestiegener Bildungsanforderungen sind ihre Chancen auf dem Ausbildungsmarkt gering. Während bildungsbürgerliche Eltern eher dazu tendieren, ihrem Sprössling einen fehlenden Schulabschluss möglichst unauffällig ohne institutionelle Hilfe kompensierbar zu machen (weiterer Schulbesuch, private Lehrstellensuche u.a.), erscheinen Jugendliche ohne solchen Hintergrund eher bei der Bundesagentur für Arbeit und werden in ein „Parallelsystem ergänzender Angebote“ vermittelt. „… der fehlende Schulabschluss gilt als ‚Zeichen ihrer Unfähigkeit’ für eine gleichberechtigte Beteiligung am Ausbildungsmarkt.“ Mit dem‚amtlichen Stempel des Defizitären’ versehen, müssen sie sich für die Teilnahme an diesen Maßnahmen „quasi einer Selbststigmatisierung aussetzen“.

Die Palette der Angebote reicht von Trainingsprogrammen zur Leistungs- und Eignungsfest- stellung bis zu Berufsvorbereit- ungsjahr und berufsvorbereiten- den Förderlehrgängen – allerdings mit der Folge, dass sie ausgegliedert, in diesen Lehrgängen wieder „unter sich“ sind – positive Vorbilder durch andere Mitschüler fehlen und mit Inhalten konfrontiert werden, an denen sie schon einmal gescheitert sind. Dementsprechend schafften laut einer Studie des Deutschen Jugendinstituts auch nur 30 % den Übergang in eine stabile Ausbildung. „Über die Hälfte (55 Prozent) … haben hingegen drei bis sechs Maßnahme-Stationen durchlaufen.“

Bereits vor dem 25. Lebensjahr lassen sich so Anzeichen einer „Arbeitslosigkeits-Maßnahme-Karriere“ erkennen. „Die Jugendlichen geraten damit unter einen Normalisierungsdruck, den (Aus-)Bildungsabstand verringern zu müssen, der in vielen Fällen zu erneutem Versagen führt. Dies wird ihnen von ihrer Umwelt häufig als „individuelles Versagen“ interpretiert. Die Folge ist eine weitere Entmutigung.“

Jugendliche ohne Schulabschluss und Abschluss einer Berufsausbildung? Blieben in den Jahrgängen 1929-1931 junge Männer ohne Schulabschluss etwa anderthalbmal so häufig auch ohne Ausbildungsabschluss wie Abgänger mit einem Hauptschulabschluss, so war in den Jahrgängen 1964 und 1971 das Risiko fünfeinhalb mal so hoch. Bei jungen Frauen dieser Gruppe hat der Anteil ohne Schulausbildung absolut von 80% auf 32% abgenommen, das Risiko, keine Berufsausbildung abzuschließen, ist ‚nur’ etwa doppelt so hoch wie bei jungen Frauen mit Hauptschulabschluss. „Dieser geringe Abstand von Frauen ohne und mit Hauptschulabschluss spiegelt allerdings den bekannten Sachverhalt wieder, dass Mädchen mit Hauptschulabschluss deutlich schlechtere Ausbildungschancen haben als Jungen mit vergleichbarer Schulbildung, und ist damit nicht Ausdruck eines ‚Erfolgs’ der jungen Frauen ohne Schulabschluss.“

Was den „Wert“ einer erworbenen Ausbildung auf dem Arbeitsmarkt betrifft, so tragen Jugendliche ohne Schulabschluss, die eine abgeschlossene Ausbildung vorweisen können, ein deutlich höheres Risiko, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, als Ausgebildete mit einem Hauptschul- oder höheren Bildungsabschluss. Das hat damit zu tun, dass ihnen nur die so genannten Behindertenberufe sowie ein kleines Segment an Ausbildungsberufen im Handwerk, in der Landwirtschaft sowie in der Hauswirtschaft offen stehen, welche eher beschäftigungsinstabil und stärker von Arbeitslosigkeit bedroht sind. Hinzu kommt, dass diese Jugendlichen ihre Ausbildung eher in Kleinbetrieben oder in außerbetrieblichen Einrichtungen absolvieren. Der Erwerbseinstieg dieser jungen Erwachsenen findet deutlich später statt als in früheren Jahrgängen, auch im Vergleich mit Hauptschulabsolventen. „Damit wirkt sich für eine größere Zahl der Jugendlichen die soziale Herkunft nicht nur in der Schule, sondern auch im Ausbildungssystem und letztlich im Erwerbssystem nachteilig aus.“

Nun kann man sagen: O.K., aber was wären denkbare Alternativen zu einer „Maßnahme-Karriere?“ Die Bildungsanforderungen sind nun einmal gestiegen, die Welt von morgen verlangt höhere Bildungsabschlüsse und überhaupt andere Qualifikationsprofile als früher,


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und bis der Einfluss des Elternhauses zurückgeht, dauert es Jahrzehnte. Diese Jugendlichen erst einmal in eine Maßnahme einzubinden, ist immer noch besser, als gleich einen Teil von ihnen abzuschreiben. Schließlich erhalten so immerhin einige die Chance, zu einer regulären Berufsausbildung zu kommen. Dem wäre mehrerlei entgegenzuhalten:
1. Erscheint es gesellschaftlich widersinnig, den einen möglichst frühe Spezialisierungen nahe zu legen und ihre Schulzeit auf 12 Jahre zu verkürzen, während man die anderen in Warteschleifen vermittelt, die ihren Eintritt ins Erwerbsleben so lange hinauszögern, bis sich jegliche Ziel-und Wunschvorstellungen von selbst erledigt haben.
2. Eine (angestrebte) Lehre macht eher erwachsen als ein (ungewollter und/oder fremdbestimmter) Schulbesuch. Ein früher Eintritt ins Berufsleben eröffnet andere Lebensbereiche, verteilt Verantwortungen neu und hält andere Selbstbestätigungen bereit als ein Schülerleben. Zu wissen, dass man gut gearbeitet hat, ist etwas anderes, als eine gute Zensur zu erhalten, weil die Rahmenbedingungen grundlegend andere sind. Daher erscheint es sinnvoll, gerade Jugendliche ohne Schulabschluss direkt mit der Praxis zu konfrontieren, anstatt sie weiterhin mit Trockenübungen zu frustrieren.
3. Geht man davon aus, dass im Prinzip fast jeder Mensch 1. über Fähigkeiten verfügt, die gesellschaftlich nutzbringend umsetzbar sind und 2. auch das Bedürfnis hat, dieses zu tun, so wird man einräumen müssen, dass es mehrere Wege gibt, diese ausfindig zu machen bzw. zu erproben. Wer sich mit dem Schulstoff bisher schwer getan hat, entdeckt vielleicht über die praktische Arbeit die Notwendigkeit (oder entwickelt das Bedürfnis), sich auch theoretisch mit der Materie zu beschäftigen. Gerade darin liegt der Vorteil des dualen Bildungssystems.
4. Jugendliche, die Anfang/Mitte der 1990-er Jahre geboren wurden, kamen in eine Zeit hinein, in der auch die Elterngeneration zunehmend verunsichert wurde: Drohende Arbeitslosigkeit, Umorientierungen (nicht nur für die neuen Bundesbürger) – für viele zeichnete sich der Weg nach unten bereits ab. Was immer sie ihren Kindern mit auf den Weg gegeben haben – wenn die Frage nach dem Berufswunsch mit „Ich werde Hartz IV“ beantwortet wird, zeigt sich, dass anscheinend nicht wenige der Nachgeborenen dabei sind, sich in einer beruflichen Hoffnungslosigkeit einzurichten. Einerseits bleibt die Tatsache, dass die Älteren den Jüngeren umso weniger zu vermitteln haben, je schneller und stärker sich die Lebensbedingungen ändern, bestehen. Andererseits zeigt die Geschichte, dass augenblicklich nachgefragte Kenntnisse von heute auf morgen verjährt sein und den Rückgriff auf „altmodische“ Fähigkeiten notwendig machen können. Umso mehr, wie die „Reformen“ deutlich machen, dass es nicht um Bildung im Sinne von Persönlichkeitsentfaltung und Entwicklung von Reflexionsvermögen geht, sondern um die möglichst schnelle Aneignung technischer Lehrinhalte. Die Welt von morgen kennen Politiker ebenso wenig wie Erzieher oder Ausbilder. Wer heute durch das Raster fällt, dessen Fähigkeiten werden vielleicht morgen nachgefragt.


(3)-(7) ebenda
(8) Die Verfasserin hat neun Jahre Hauptschule – die Mitte der 1960-er Jahre noch Volksschule hieß – besucht und anschließend eine Wunsch-Lehre absolviert. Auf der Berufsschule mit Mittelschülern und abgebrochenen Gymnasiasten konfrontiert, stellte sich sehr bald heraus, dass z.B. Algebra und kaufmännisches Rechnen zwei verschiedene Dinge sind und die höheren Abschlüsse keineswegs die besseren Karten hatten. Der entscheidende Vorteil lag aber darin, mit 18 Jahren eigenes Geld zu verdienen, von zu Hause ausziehen zu können und den weiteren Weg nicht mehr mit Eltern oder sonst wem absprechen zu müssen.
(9) vgl. Konrad Liessmann, Theorie der Unbildung, Wien 2006