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Periskop 2008 / 01
Dietmar Jarkow
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Interview mit Dietmar Jarkow, dem Geschäftsführer des JobCenters Neukölln

Das Interview führten Dorit Gade und Farhad Sharafat Vaziri


Periskop
Unser Thema für diese Ausgabe lautet: „Fehlender Schulabschluss – Ursache für Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit bei jungen Menschen?“ Stimmen Sie dieser These grundsätzlich zu, und trifft dies auch speziell auf das Klientel Ihres Job-Centers zu?

Herr Jarkow
Ein fehlender Schulabschluss ist bei jungen Menschen mit Sicherheit eine der wesentlichen Ursachen für die bestehende Arbeitslosigkeit. Wenn Sie sich das Anforderungsprofil der meisten Unternehmen anschauen, so erwartet man dort schlicht und einfach einen Schulabschluss. Ihre These trifft somit sicherlich auch auf unser Klientel zu. Hierzu nenne ich Ihnen zwei Zahlen aus dem Dezember 2007. Wir hatten unter den Jugendlichen, also der Personengruppe von 15 bis zu 25 Jahren, 2.496 Arbeitslose. Davon hatten 729 keinen Schulabschluss.
Das ist fast ein Drittel und zeigt, dass gerade hier in Neukölln der Anteil der arbeitslosen Jugendlichen ohne Schulabschluss hoch ist.

Periskop
Inwieweit trifft dies auf Jugendliche mit Migrationshintergrund zu?

Herr Jarkow
Unsere Kunden im JobCenter Neukölln haben zu ca. 70% einen Migrationshintergrund. Insofern ist die Wahrscheinlichkeit relativ groß, dass bei den Jugendlichen der Anteil mit Migrationshintergrund ebenfalls hoch ist. Dazu nenne ich Ihnen noch eine andere Zahl. Betrachtet man von allen arbeitslosen Jugendlichen nur die, die keinen deutschen Pass und keinen Schulabschluss haben, so liegt die Arbeitslosenquote bei dieser Personengruppe bei 60%.

Periskop
Welche Ursachen führen dazu, dass junge Menschen die Schule ohne Abschluss verlassen?

Herr Jarkow
Dafür gibt es mehrere Ursachen. Die sogenannte Schulmüdigkeit spielt sicherlich eine große Rolle. Bei einigen Personen, die, aus welchen Gründen auch immer, die Schule vorzeitig verlassen, liegt es auch daran, dass die Eltern ihren Erziehungsauftrag nicht vollumfänglich wahrnehmen. Wir haben bei unseren Jugendlichen oft das Problem, dass sie Drogen nehmen. Und dann gibt es natürlich auch noch die Gruppe, die schlicht und ergreifend bis zum Ende in der Schule ist, aber kein Abschlusszeugnis bekommt, weil sie entweder die Abschlussprüfung nicht schaffen oder mit einem Zeugnis die Schule verlassen, das keinen Abschluss zum Gegenstand hat. Die Gründe dafür sind vielfältig, wir können die Ursachen dafür hier allerdings nicht erheben.

Periskop
Gibt es seitens des Jobcenters Möglichkeiten, mit Hilfe z.B. von Elterninitiativen oder auch von Schulen,im Vorfeld schon Kontakte mit den betroffenen Schülern aufzubauen?

Herr Jarkow
Grundsätzlich dürfen wir uns nach dem SGB II gar nicht um Schüler kümmern, zumindest nicht direkt. Die Ursache hierfür ist, dass Schüler nicht auf dem Arbeitsmarkt einsetzbar sind, da die Schulausbildung richtigerweise vorgeht.
Allerdings versuchen wir, mit bestimmten Projekten zumindest indirekt Einfluss zu nehmen, um zu erreichen, dass Jugendliche
einen Schulabschluss machen und sich noch während der Schulzeit über mögliche Berufsfelder informieren. Mit dem Projekt Stadtteilmütter versuchen wir, insbesondere auf Familien mit Migrationshintergrund einzuwirken.

Periskop
Können Sie das Projekt etwas genauer beschreiben?

Herr Jarkow
Das Projekt ist eine Kooperation vom Bezirk Neukölln, dem Land Berlin, konkret der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, dem Diakonischen Werk und dem Jobcenter. Es wird zu 80 % durch das Jobcenter finanziert. Bei den Stadteilmüttern handelt es sich um arbeitslose Frauen mit einem Migrationshintergrund, die selbst Kinder haben. Sie werden durch das Diakonische Werk sechs Monate lang zu bestimmten Themenfeldern qualifiziert, z.B. Erziehung, Ernährung, Gesundheit, Bildung. Ihr Auftrag ist es, in bildungsferne Familien zu gehen, um mit ihnen über die erwähnten Themen zu reden, beispielsweise zum Thema Kindererziehung. So sollen Familien dazu bewegt werden, dass sie ihr Kind in die Schulen schicken oder es in der Kita anmelden, damit sie Deutsch lernen. Denn wenn die Kinder Deutsch sprechen, sind die Chancen in der Schule wesentlich höher als wenn sie kein Deutsch können. Oder sie versuchen Frauen zu überzeugen, die mehrere Jahre in Deutschland leben und kein Wort Deutsch sprechen, einen Sprachkurs zu absolvieren. Hierfür müssen auch die Männer davon überzeugt werden, dass sie ihre Frauen dabei unterstützen sollen. Das ist nicht immer leicht. Mit diesem Projekt versuchen wir Wege zu gehen, die in Neukölln notwendig sind. Wenn ich die Reaktionen der Stadtteilmütter sehe, dann lernen sie auch eine ganze Menge für sich selbst. Sie lernen selbstbewusster aufzutreten, sie lernen sich an Diskussionen oder an Gesprächen zu beteiligen. Sie stärken dadurch ihr Selbstbewusstsein und erhöhen ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Periskop
Wie viele Frauen arbeiten in dem Projekt?

Herr Jarkow
Das Projekt läuft seit einem dreiviertel Jahr mit zur Zeit 60 Frauen. Mitte des Jahres werden noch weitere 60 gefördert, so dass wir als Jobcenter 120 Frauen fördern. Ich verspreche mir einiges von diesem Projekt.

Periskop
Und wie sieht es mit Berufsinformation oder Berufsberatung direkt in Schulen aus? Findet die statt?

Herr Jarkow
Die findet statt, sie gehört jedoch zu den Aufgaben der Agenturen und nicht zu den originären Aufgaben der Jobcenter. In bestimmten Bereichen kooperieren wir zwar mit der Agentur und sind auch, in Absprache mit der Agentur, in Schulen präsent, allerdings nur, um Informationen zum SGB II zu geben.

Periskop
Welche Unterstützung erhalten junge Menschen ohne Abschluss vom Jobcenter, um den Übergang auf den ersten Arbeitsmarkt doch noch zu schaffen?

Herr Jarkow
Wenn ein Jugendlicher zu uns kommt, müssen wir zunächst herausfinden, wo er überhaupt steht. Wir machen ein recht umfassendes Profiling, um herauszufinden, wo seine Stärken und seine Schwächen liegen. Liegt es nur am Schulabschluss? Hat er eventuell eine Schuldenproblematik? Hat er eine Drogenproblematik? Oder hat er ganz andere Probleme? Auf diesen Erkenntnissen aufbauend, müssen wir dann entscheiden, welche Maßnahme wir anbieten können. Wenn es nur am Schulabschluss mangelt, haben wir die Möglichkeit, den Jugendlichen auf einen Schulabschluss vorzubereiten. Wir haben leider auch einige Jugendliche, denen es an den einfachsten Primärtugenden fehlt. In so einem Fall müssen wir versuchen ihnen beizubringen, dass Arbeitgeber auch Anforderungen stellen. Die erwarten beispielsweise, dass die Arbeit morgens um sieben Uhr startet, und das bedeutet, dass man um sieben Uhr da sein muss und nicht erst um halb neun kommt. Diese Selbstverständlichkeiten sind für einige Jugendliche nur schwer nachvollziehbar.

In Zusammenarbeit mit Zeitarbeitsfirmen versuchen wir Jugendliche, die im Grunde schon in der Lage sind arbeiten zu gehen, zu unterstützen. Ein wesentlicher Punkt, den wir bei Jugendlichen feststellen, ist ihre große Orientierungslosigkeit. Viele wissen gar nicht, was Berufsleben bedeutet, welche Möglichkeiten und welche Berufe es überhaupt gibt. Wir versuchen, durch Trainingsmaßnahmen Jugendlichen einfach erst einmal zu zeigen, welche Möglichkeiten das Berufsleben bietet, damit sie auch selbst erkennen können, was ihnen Spaß macht, und damit sie ein Gefühl dafür bekommen, ob ihnen das überhaupt liegt. Das sind Versuche, die wir sehr intensiv unternehmen. Das ist zwar keine Erfolgsgarantie, aber es ist zu mindest ein erster Ansatz.

Periskop
Sie haben gerade die Zeitarbeitsfirmen angesprochen. Gibt es dazu Zahlen, wie die Verbleibsquote dort ist?

Herr Jarkow
Darüber haben wir keine Zahlen, weil wir keine Rückmeldung bekommen. Wir könnten es nur darüber herausfinden, wenn derjenige hier wieder Leistungen beantragt. Das wäre jedoch ein immenser Arbeitsaufwand, den wir in dieser Form nicht leisten können. Zeitarbeit ist auch nicht der Schwerpunkt bei Jugendlichen. Jugendliche wollen wir eher für einen Beruf qualifizieren. Es gibt für ältere Jugendliche, 24 oder 25 Jahre alt, übergangsweise die Möglichkeit, über Zeitarbeit zunächst einmal Erfahrungen zu sammeln, um dann in anderen Bereichen eventuell wieder Fuß zu fassen. Die Angebote werden auch angenommen, und wir haben relativ gute Integrationserfolge. Allerdings gibt es auch eine Zahl von Beispielen, bei denen die Arbeit nicht so fruchtbar ist.

Periskop
Gibt es Kooperationen mit Unternehmen, um speziell diese Klientel zu fördern?

Herr Jarkow
Kooperationen mit Unternehmen bestehen nicht direkt. Wir haben aber eine Reihe von Kooperationen mit sozialpädagogischer Begleitung, die von Bildungsträgern durchgeführt wird. Wir haben nun einmal eine Reihe von Jugendlichen, die der intensiveren Betreuung bedürfen. Das sind Betreuungsintensitäten, die sich Unternehmen allein nie leisten würden. Wir haben Projekte, bei denen in Kooperation mit Unternehmen Jugendliche die Möglichkeit haben, für ca. zwei Wochen ein Praktikum zu machen. Dies ist nur möglich, wenn dort wirklich ständig jemand daneben steht und den Praktikanten betreut.

Periskop
Akquiriert das JobCenter auch für Jugendliche Ausbildungsplätze?

Herr Jarkow
Das ist wieder eine Aufgabe des gemeinsamen Arbeitgeberservices von Agentur für Arbeit und JobCenter.

Periskop
Gibt es zwischen dem Jobcenter und z.B. der IHK und der Handwerkskammer spezielle Kooperationen?

Herr Jarkow
Wir arbeiten mit den Kammern zusammen, als Kooperation würde ich diese Form der Zusammnarbeit aber nicht bezeichnen.

Periskop
Gibt es beim Jobcenter Altersobergrenzen, wenn z.B. jemand seinen Schulabschluss nachmachen möchte?

Herr Jarkow
Es gibt zwar keine Altersobergrenze, aber man muss natürlich abschätzen, wann es noch einen Sinn macht, wenn jemand seinen Schulabschluss nachholt. Ich übertreibe einmal ganz bewusst: Macht es noch Sinn, einem Sechzigjährigen einen Hauptschulabschluss zukommen zu lassen? Wir werden uns in so einem Fall mit Sicherheit überlegen, ob es nicht auch sinnvollere Wege gibt, eine Qualifikation für den Arbeitsmarkt zu erreichen, z.B. durch Learning by doing oder durch bestimmte praktische Einweisungen. Ein 29-, 30- oder 35-jähriger wird nicht allein nur deswegen einen Arbeitsplatz bekommen, weil er einen Schulabschluss hat, da spielen andere Faktoren eine Rolle. Wir werden uns deswegen intensiver darauf konzentrieren, hier entsprechende Fertigkeiten auszubilden. Bei Jugendlichen, die noch unter 20 sind, ist sicherlich der Schulabschluss wesentlich wichtiger.

Periskop
Die Wirtschaft beklagt den Fachkräftemangel. Bieten sich dadurch auch für Jugendliche ohne Schulabschluss neue Chancen?

Herr Jarkow
Es gibt sicherlich eine Reihe von Problemen hinsichtlich der Fachkräfte. Wir versuchen ja auch, Jugendliche in Ausbildung zu bringen, um diesen Fachkräftebedarf zu decken. Ganz wichtig dabei ist die individuelle Bereitschaft, sich zu engagieren und entsprechende Qualifikation zu erlangen. Nicht alle Jugendlichen werden da berücksichtigt werden können. Wir werden eine Reihe von Jugendlichen haben, die wahrscheinlich nur im Helferbereich eingesetzt werden können. Das wird sich so schnell sicherlich nicht ändern, denn auch im Helferbereich sind die Anforderungen schon relativ hoch. Ich hatte vorhin das Thema Zeitarbeit angesprochen. Wir erleben es häufiger, dass Jugendliche, die sich bei der Zeitarbeitsfirma vorstellen, zurückgeschickt werden, weil deren Qualifikationen nicht ausreichen. Man darf aber auch nicht vergessen, dass diejenigen Arbeitskräfte mit geringem Qualifikationsniveau die ersten sein werden, die bei einem Abflauen der Konjunktur wieder auf der Straße stehen werden.

Periskop
Es gibt doch Firmen, die auch Jugendliche ohne Abschluss durch ein Praktikum beschäftigen und durch Nachhilfeunterricht unterstützen, eben um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

Herr Jarkow
Ja, das stimmt.

Periskop
Ist das erlaubt, dass Firmen einfach in die Schulen gehen?

Herr Jarkow
Das müssen die Schulen entscheiden. Unternehmen haben aber natürlich auch die Möglichkeit, durch Werbung auf sich aufmerksam zu machen und dabei die Medien zu benutzen, die bei Jugendlichen sehr beliebt sind.

Periskop
Wie schätzen Sie generell die Perspektiven dieser jungen Menschen ein?

Herr Jarkow
Soweit Kunden des JobCenters Neukölln betroffen sind, kann ich die Frage nicht einfach mit „gut“ oder „schlecht“ beantworten. Hier spielen viele Faktoren eine Rolle. Wir haben einerseits Jugendliche, die es geschafft haben, obwohl wir zunächst nicht davon überzeugt waren, dass sie den Sprung ins Berufsleben schaffen würden. Wir haben andererseits Jugendliche, bei denen wir eigentlich davon ausgegangen sind, dass es gar nicht so kompliziert sein dürfte, sie in Arbeit zu vermitteln und denen es einfach nicht gelungen ist. Sicherlich gehört ein gewisses Engagement und auch die Bereitschaft dazu, sich anzustrengen, sich zu bewerben, letztendlich auch Kompromisse einzugehen, beispielsweise was die Mobilität betrifft. Ein Arbeitsplatz in unmittelbarer Nähe zur Wohnung ist eher die Ausnahme. Vielmehr muss die Bereitschaft bestehen, einen Arbeitsplatz zumindest im Tagespendelbereich anzunehmen. Darüber hinaus muss man sich auch entsprechend „verkaufen“, z.B. durch eine gute Bewerbung, durch entsprechendes Training, wie man sich in einem Vorstellungsgespräch verhält und so weiter.

Periskop
Gibt es Ihrerseits Wünsche, wie das Jobcenter gerade die Jugendlichen ohne Schulabschluss besser unterstützen könnte, vorausgesetzt, die gesetzlichen Rahmenbedingungen wären anders?

Herr Jarkow
Wir werden in der Regel erst dann mit der Situation konfrontiert, wenn vieles schon zu spät ist. Was ich mir wünschen würde ist, dass man früher anfängt, bestimmte mögliche Fehlentwicklungen zu vermeiden. Dies muss im Elternhaus beginnen, es kann nicht alles der Staat bzw. die Gesellschaft regeln. Deswegen bin ich von diesem Projekt Stadtteilmütter so beeindruckt. Ich hoffe, dass hier in der kleinen Zelle der Familie bereits der Grundstein dafür gelegt wird, dass man das eigene spätere Leben vielleicht etwas intensiver plant, als es vorher der Fall war, und Fehler, die begangen wurden, in Zukunft nicht mehr macht. Ob das ein Wunschtraum bleibt, weiß ich nicht. Irgendwo muss man ja anfangen. Sicherlich wünsche ich mir noch etwas mehr Informationen und Unterstützung in der Schule sowie bei den Eltern, denn viele sind schlichtweg überfordert. Das betrifft nicht nur Eltern mit einem Migrationshintergrund, das gilt auch zum Teil für deutsche Eltern. Wenn bereits in der Familie darauf geachtet wird, dass die Kinder regelmäßig zur Schule gehen, ihre Hausaufgaben und einen Schulabschluss machen, dann gäbe es viele Probleme, die wir jetzt haben, gar nicht. Die Eltern müssen sich mehr kümmern, denn oft genug höre ich, dass Eltern völlig überrascht sind, wenn man ihnen erzählt, dass ihre Kinder schon ein halbes Jahr nicht mehr in der Schule waren.


Periskop
Vielen Dank für das Gespräch.