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Periskop 2008 / 01
Heinz Buschkowsky
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Interview

Mit Heinz Buschkowsky, dem Bezirksbürgermeister von Neukölln
Das Interview führten Dorit Gade und Farhad Sharafat Vaziri

Periskop
Inwieweit trifft unsere These „Fehlender Schulabschluss – Ursache für Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit bei jungen Menschen?“ auf Neuköllner Jugendliche zu?

Herr Buschkowsky
Junge Menschen, die keinen Schulabschluss und damit nicht die Eingangsqualifikation zum Erlernen eines Berufs haben, stehen grundsätzlich vor einem Problem. Wir leben in einer Welt, in der es nicht mehr ausreicht, zwei gesunde Hände und Füße zu haben. Man muss zusätzlich auch Wissen und Schlüsselkompetenzen mitbringen. Wer einen Hauptschulabschluss hat, schafft es heute in den seltensten Fällen, einen Ausbildungsplatz zu ergattern. Berufswege wie Rechtsanwalts- und Notarsgehilfen, Mikroelektroniker, Mechatroniker, die früher für Realschüler klassisch waren, werden heute von Abiturienten eingeschlagen. In dieser Hinsicht muss Ihre Annahme „Fehlender Schulabschluss als Ursache für Arbeitslosigkeit“ auch noch um den Hauptschulabschluss erweitert werden. Das mit der Perspektivlosigkeit sehe ich nicht so, da es ja eine Perspektive gibt, nämlich den Schulabschluss nachzuholen. Nur weil man im ersten Anlauf das Ziel verfehlt hat, heißt das ja nicht automatisch, das Leben verspielt zu haben. Allerdings muss sich irgendwann auch die Erkenntnis einstellen, dass der Abschluss nachgeholt werden muss. Ansonsten wird nichts weiter übrig bleiben, als beim Onkel die Regale im Supermarkt aufzufüllen, im Dönerladen die Fleischscheiben abzuschneiden oder Kurier zu werden, zum Überführen von Gebrauchtwagen in die Ukraine oder Türkei. Ein qualifizierter Beruf ist ohne Schulabschluss nicht zu erzielen.

Periskop
Warum haben wir denn so viele Schüler, die noch nicht einmal den Hauptschulabschluss machen?

Herr Buschkowsky
Die Ursachen liegen einerseits am Schulsystem. Das deutsche Schulsystem ist hochselektiv. Anders als in anderen Staaten trennt und selektiert es Kompetenz unter Kindern schon sehr früh. Das ist ein Systemmangel. Andererseits entstammt der hohe Anteil von jungen Menschen ohne Schulabschluss der Unterschicht, weil den Eltern jegliches Bildungsbewusstsein, aber auch die Kompetenz fehlt, Bildungshunger bei den Kindern zu wecken und sie auf ihrem Bildungsweg zu begleiten. Hier tun sich wiederum zwei Seiten auf. Zur einen gehören die, die es definitiv nicht können, weil sie überfordert sind. Wie sollen zwei Elternteile, die selbst nie eine Schule besucht haben, etwas mit dem Begriff Schulpflicht anfangen können? Wie sollen sie erkennen können, ob das, was das Kind an Hausaufgaben oder an Zensuren nach Hause bringt, gut oder schlecht ist? Sie haben ja gar keinen Vergleichsmaßstab.

Dann gibt es aber auch die, die nicht wollen und sich im Wohlfahrtsstaat eingerichtet haben. Diejenigen, die glauben, dass man Schule nicht braucht. Antwort Nummer eins auf die Frage, warum das Kind so unregelmäßig zur Schule kommt: „Meine Tochter soll eine gute Frau und Mutter werden. Was braucht sie da die Schule?“ Antwort Nummer zwei: „Auch aus mir ist ein ganzer Mann geworden, ohne dass ich lesen und schreiben kann.“ Das sind zwei Standardantworten. Da wird es schon schwieriger.

Denen, die es nicht können, müssen wir als Gesellschaft helfen, damit sich ihre Defizite nicht mit ihren Kindern fortpflanzen. Kinder aus ganz normalen bildungsorientierten Familien, die, angefangen vom Duden über Brehms Tierleben, die Märchen der Gebrüder Grimm und Karl May, über einen Bücherbestand von vielleicht dreißig bis vierzig Büchern verfügen, haben etwa zweieinhalbtausend bis dreitausend Stunden Vorlesezeit hinter sich, wenn sie eingeschult werden. Und wie viele Stunden Vorlesezeit hat ein Kind von analphabetischen Eltern hinter sich? Gar keine. Lesen und Vorlesen vermitteln aber Schlüsselkompetenzen. Rotkäppchen, das vorgelesen wird, nimmt im Gehirn des Kindes Gestalt an, sei es, dass es blonde Zöpfe, schwarze Locken, weiße Kniestrümpfe, einen blauen Rock oder der Wolf ein gruseliges Gesicht hat. Wenn ein Kind Rotkäppchen aber gar nicht vorgelesen bekommt, kann es diese Fantasie überhaupt nicht entwickeln. Das Kind kann auch gar nicht fragen: „Mama, was ist ein Wolf? Wo lebt ein Wolf? Fressen Wölfe Menschen?“ „Nein, das ist nur ein Märchen.“ „Was ist ein Märchen, Mama?“ Dieser Dialog findet überhaupt nicht statt. Was dann einzig verarbeitet werden kann, ist das Fernsehprogramm, das rund um die Uhr läuft. Mit diesen Kindern spielt auch niemand „Halma“ oder „Mensch ärgere Dich nicht“. Ein Kind, mit dem nie gespielt wurde, lernt nicht, für eine Dreiviertelstunde stillzusitzen, sich auf irgendetwas spielerisch zu konzentrieren und verlieren zu können. Oder nehmen sie das Kind, das mit der Schere nicht umgehen kann. Es hat noch nie eine Papierschere in den Händen gehabt, nie mit Goldpapier gespielt und daraus Figuren gebastelt, weil Goldpapier aus Sicht seiner Eltern unnütz und rausgeschmissenes Geld ist. All das wirkt sich nachher aus, wenn das Kind zur Schule kommt, denn dort treffen sie auf Kinder aus Familien, in denen die Eltern das alles gemacht haben. Diese Kinder haben ganz andere Kompetenzen.

Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder bringe ich den Eltern bei, was sie machen müssen. Das ist eine schwere Aufgabe, denn ich muss die Eltern ja erreichen. Normalerweise gelingt das nicht, da ja gerade diese Eltern abgeschottet hinter verschlossenen Wohnungstüren leben. Die andere Möglichkeit ist, die nicht vorhandenen Kompetenzen der Eltern bereits im Kindergarten zu ersetzen. Wenn beides nicht funktioniert, haben wir die Problemkinder, die mit fünfeinhalb in die Schule kommen, keinen Buntstift halten, keine Schere bedienen und auch nicht vorwärts oder rückwärts laufen können. Und vermutlich sprechen sie auch gar kein oder nur ein sehr rudimentäres Deutsch. Nur die wenigsten holen diese Defizite wieder auf, die meisten verlassen die Schule dann ohne Abschluss.

Um genau dies zu verhindern, müssen wir schon vor der Schule anfangen. In der siebenten Klasse ist kaum noch etwas wettzumachen. Wir haben heute an unseren Oberschulen vierzehn-, fünfzehn-, sechzehnjährige Jugendliche, die sich maximal zwanzig Minuten konzentrieren können, länger reicht ihre Konzentrationsfähigkeit nicht aus. Das wiederum genügt für einen Beruf nicht. Wir sehen das auch bei den Auszubildenden bei uns im Rathaus. Wir müssen mit ihnen die Grundrechenarten, die deutsche Sprache und selbst das Stillsitzen für anderthalb Stunden trainieren.

Periskop
Wenn Sie sagen, die Problematik fängt bereits in der Familie an und deshalb kann man eigentlich gar nichts mehr ändern, ist das nicht schon politische und soziale Apathie?

Herr Buschkowsky
Finden Sie? Will Ihnen mal einen Text vorlesen. Ist nicht so lang.

„Die schulische Situation der ausländischen Kinder und Jugendlichen ist durch einen unzureichenden Schulbesuch, eine extrem niedrige Erfolgsquote bereits im Hauptschulbereich und eine erhebliche Unterrepräsentation ausländischer Schüler an weiterführenden Schulen gekennzeichnet. Eine von der Schule zu übergebende Hypothek sind die Lücken in der vorschulischen Erziehung. Beachtlich sind ferner auch hier die bei den ausländischen Eltern bestehenden Hemmnisse, die Bedeutung des Schulbesuchs für die Zukunftsentwicklung ihrer Kinder richtig einzuschätzen. Heinz Kühn, Ministerpräsident Nordrhein-Westfalen, 1979.“

Das ist dreißig Jahre her. So neu ist dieses Problem. Doch die scheinbar naturgesetzmäßige ständige Selbsterneuerung, also die Perpetuierung der Unterschicht, werden wir auch in den nächsten Jahrzehnten nicht verhindern.

Periskop
Herr Buschkowsky, entschuldigen Sie bitte, dann sind Sie jetzt gerade in die Opferrolle hineingeraten. Wenn Sie als Politiker das nicht lösen, wer sollte das denn lösen?

Herr Buschkowsky
Eine Kommune, ein Bezirksbürgermeister, macht keine Schulpolitik, dafür gibt es die Kultusministerien. Es ist doch unstrittig, dass wir Probleme im System haben und die deutsche Politik aber nicht bereit ist, wirklich durchgreifende Veränderungen praktisch durchzuführen. Wir halten nach wie vor an der Hauptschule fest, die zur Ausländerresteschule verkommt, die stigmatisiert und den jungen Menschen keine echte Perspektive mehr bietet. Bei den bildungsfernen Schichten, wie man die Unterschicht so schön umschreibt, ist das Problem insbesondere bei den Migranten am größten. Das hat auch einen ganz einfachen Grund. Wir haben vor vierzig Jahren Menschen ins Land geholt und nur darauf geachtet, ob sie die Füße bewegen können zum Laufen und die Hände zum Schrauben. Wir haben nicht darauf geachtet ist, ob sie lesen und schreiben können, und uns auch sonst nicht um diese Menschen gekümmert.

Wir sollten endlich einmal damit anfangen. Das heißt, die Gesellschaft muss Angebote machen, sie aber auch einfordern. Ich mache das mal an dem Beispiel Schulpflicht fest. Wenn Ayse dem Schulunterricht fernbleibt, weil sie zu Hause die kranke Tante pflegen soll, dann müssen wir zu den Eltern gehen und ihnen erklären: „Wenn Ayse nicht zur Schule kommt, dann bitten wir dich um Verständnis, dass wir auch kein Kindergeld zahlen können.“ Das wäre eine Sprache, die diese Menschen verstehen würden. Die klare Ansage, dass sich jeder an die gesellschaftlichen Normen zu halten, ansonsten mit Konsequenzen zu rechnen hat. Leider machen wir das aber nicht.

Periskop
Wenn Sie die Möglichkeit hätten, was würden Sie tun, um jungen Menschen bei ihrer beruflichen Perspektive behilflich zu sein?

Herr Buschkowsky
Alles, nur keine Projektpolitik. Denn eine wirksame Gesellschaftspolitik kann nie aus Projektarbeit bestehen, vernünftige Regelangebote brauchen wir. Ich würde zunächst einmal die Kindergartenpflicht und Ganztagsschulen einführen. Allerdings gibt’s dabei noch eine kleine Kleinigkeit zu beachten, nämlich den 10-er Verzögerungsfaktor in der Pädagogik. Das heißt, alles was wir heute machen, wirkt sich erst in zehn Jahren aus. Selbst wenn wir heute etwas verändern würden, dann hätten wir noch zehn Jahre lang weiter „lost generations“ – verlorene Generationen. Das ist das eine Problem. Das weitaus größere Problem ist, dass heute kaum einer bereit ist, die Probleme klar zu benennen und wirklich anzupacken. Wir reden zwar klug und ganz wichtig vor den Mikrofonen oder im Fernsehen. Dabei bleibt’s aber. Nehmen Sie beispielsweise den nationalen Integrationsplan der Kanzlerin. Vor zwei Jahren hat sie schon zum Gipfel geblasen. Sehen Sie irgendetwas davon, dass sich in diesem Land seit zwei Jahren die Gräben auftun und die Bildung explodiert ist? Wir warten jetzt wieder auf den Gipfel der Bildungsrepublik.Wir haben keinen Erkenntnismangel, sondern ein Handlungsdefizit.

Diese Gesellschaft ist nach wie vor von Ignoranz und denjenigen geprägt, die sagen: „Was geht mich die Unterschicht an? Ich gehöre nicht dazu.“ In meinen Vorträgen stelle ich dann immer zwei Fragen. Erstens: „Was glauben Sie eigentlich, wie lange man im gestohlenen schwarzen BMW vom Rollbergviertel(1) nach Dahlem Dorf(2) braucht? Maximal siebzehn Minuten, und dann ist das Ihr Problem.“ Meine Zuhörer schauen mich dann immer erstört an und werden ganz unruhig. Ich kann förmlich sehen, wie es hinter diesen Köpfen arbeitet. Allerdings denkt keiner, dass endlich etwas getan werden müsste. Weit gefehlt, denn sie denken allenfalls darüber nach, den Zaun um ihr Grundstück höher zu ziehen.

Zweitens frage ich: „Glauben Sie eigentlich, dass Kriminalität und Impotenz miteinander verknüpft sind?“ Dann antworten natürlich alle: „So ein Quatsch!“ Ich sage dann, Intensivtäter sind zwar verwahrlost im Kopf, aber nicht impotent. Sie produzieren pausenlos neue Intensivtäter. Da sie auch zu Hause nur ein Argument haben, nämlich Gewalt, werden ihre Kinder mit der Gewalt groß und, weil sie eine andere Form der Auseinandersetzung nie kennengelernt haben, auch wieder zu Gewalttätern, Gewalt produziert Gewalt.

(1) Problemviertel im Berliner Bezirk Neukölln
(2) Villenviertel in Berlin

So lange unser Sozialsystem Köpfe belohnt und nicht Wissen, so lange muss man nur dafür sorgen, möglichst viele Köpfe zu produzieren. Wenn ich acht oder neun Kinder habe, dann kriege ich vom Staat plötzlich 4000 bis 4500 Euro netto. Das ist viel mehr, als ich mit meiner Hände Arbeit jemals verdienen könnte. Wenn diese Menschen in ihr heimatliches Dorf beladen mit Geschenken kommen, dann sind sie es, die es zu etwas gebracht haben. Warum um Himmels Willen sollen sie sich dann als Unterschicht empfinden und daran etwas ändern wollen?

Periskop
Wir finden Ihren schwarzen Humor und Ihren Zynismus ja sehr interessant, aber was wollen Sie jetzt tun? Eine Bildungsrevolution oder eine Kulturrevolution?

Herr Buschkowsky
Ich habe Ihnen gesagt, das Grundproblem unserer Gesellschaft ist Ignoranz. Im Übrigen, die Einschätzung „schwarzer Humor“ würde ich akzeptieren, nicht aber Zynismus. Auf eine vielleicht etwas mehr humoristische Art sage ich doch nichts anderes, als dass die Politik ihre Arbeit nicht macht. Sie schaut entweder zu oder weg.

Gestern war ich den ganzen Tag in Essen und habe mir soziale Einrichtungen angeschaut. Sie könnten das Schild „Essen“ abschrauben und „Neukölln“ ranschrauben. Eine Kindergärtnerin teilte mir mit: „Wenn die Kinder in den Kindergarten kommen, sprechen sie kein Wort Deutsch, und sie haben in ihrem ganzen Leben noch nie ein Messer und eine Gabel in der Hand gehabt. Damit fangen sie hier mit fünfeinhalb an.“ Das kam mir irgendwie bekannt vor.

Ich kann mich immer nur wie eine tibetanische Gebetsmühle wiederholen. Die Gesellschaft muss erkennen, dass sie so nicht weiterkommt. Vor allem nicht mit dem bürgerlichen Blickwinkel, dass alle Menschen gut und alle Bürger mündig sind. Denn wir haben einen Großteil von Bürgern, die denken gar nicht daran, mündig oder gut zu werden. Die jungen Leute im JobCenter erwarten von uns jeden Tag, dass wir das Geld ohne irgendeine Gegenleistung ‘rüberschieben. Und wenn ich meinen jungen Leuten von der Idee erzähle, Jugendstraftaten mit Führerscheinentzug zu sanktionieren, dann brauchen sie einen Notarzt, weil sie vor Lachen fast ersticken. Denn sie fahren zwar alle Auto, haben aber keinen Führerschein.

Das deutsche Sozialsystem ist mittlerweile nichts anderes als ein moderner Ablasshandel. Wir machen Geldscheinpolitik, die beruhigt so schön, und alle freuen sich und finden das toll. Das Einzige, was wir von Zeit zu Zeit brauchen, ist eine größere Gelddruckmaschine. Wir sedieren Menschen, anstatt sie herauszufordern, ihre eigenen Möglichkeiten zu entdecken und einzubringen. „Man kann viel, wenn man sich nur recht viel zutraut“, sagte schon Wilhelm von Humboldt.

Woran liegt es eigentlich, dass Deutschland unter allen OECD-Staaten an drittletzter Stelle bei den familienpolitischen Leistungen und ihrer Effizienz steht? Nur die Slowakei und Nordkorea stehen hinter uns. Deutschland wendet drei Prozent des Bruttoinlandprodukts für familienpolitische Leistungen auf. Die anderen Länder, die alle vor uns stehen, maximal 2,4. Das heißt, sie geben weniger Geld aus als wir und sind erfolgreicher. In diesen Ländern werden vierzig bis fünfzig Prozent aller Finanzmittel der familienpolitischen Leistungen in die institutionelle Förderung der Kinder gesteckt. Das heißt, in Kindergärten, in Schulen, in Schulessen, in Lehrer, in Klassengrößen. In Deutschland steckt man maximal 25 Prozent in die institutionelle Förderung und den Rest bekommen die Eltern. Damit werden Kinder zur Einkommensquelle. Das Dumme ist nur, dass das Geld oft überall landet, nur nicht beim Kind.

Periskop
Was kann man dagegen unternehmen?

Herr Buschkowsky
Man müsste das System ändern.

Periskop
Wer?

Herr Buschkowsky
Die Politik, nur, sie will das nicht. Unser Finanzminister Steinbrück hat ungefähr vor drei Jahren den Vorschlag gemacht, auf die nächste Erhöhung des Kindergeldes zu verzichten. Das Geld sollte nicht eingespart werden, sondern für die kostenlose vorschulische Betreuung auf alle Kinder ausgedehnt werden. Man hat ihn dafür fast gesteinigt. Nicht nur die CDU, auch die SPD. Ein unerhörter Vorgang, man will den Eltern in die Tasche greifen.


Ich habe die Empörung nicht verstanden. Denn wenn das Geld in die institutionelle Förderung gesteckt und dafür gesorgt wird, dass die Kinder mittags etwas Warmes zu essen bekommen, sie kostenlos in den Sportverein können, sie in der Schule Sozialarbeiter haben und, und, und, dann werden wir auch erheblich weniger problematische Kinder und damit auch erheblich weniger Schulabgänger ohne Schulabschluss haben. Und wissen Sie, was noch eintreten würde? Eine viel geringere Geburtenrate in der Unterschicht! Denn es lohnt sich finanziell nicht mehr. Im Übrigen ist alles, was ich Ihnen erzähle, abgeschrieben. Das haben die USA schon hinter sich. In den 60er Jahren ist dort das System der „wellfare mothers“ eingeführt worden. So lange eine Frau immer ein kleines Kind hat, so lange kriegte sie öffentliche Wohlfahrt. Die Folge war, dass die Geburtenrate bei den Unterschichtenfrauen hochschnellte. Und deren Töchter erlernten dieses System sofort. Auch sie wurden wieder „wellfare mothers“. Doch natürlich bekamen diese Frauen nicht nur Töchter, sondern auch Söhne, die nun einmal nicht „wellfare mother“ werden konnten, zum Arbeiten aber auch nicht so richtig geschaffen waren. Was geschah wohl? Richtig, es explodierte die Jugendkriminalität. Der linke Bill Clinton hat das System 1992 in den USA abgeschafft. Man bekam nur noch für einen bestimmten Zeitraum Wohlfahrt und danach nichts mehr. Die Geburtenrate sank auf ein Drittel, es machte keinen Sinn mehr, Kinder zu bekommen.

Wir in Deutschland diskutieren gerade die Erhöhung des Kindergeldes und die Einführung eines Betreuungsgeldes. Damit werden Kinder immer mehr zum Einkommensfaktor. Dies beflügelt natürlich dort, wo Kinderreichtum traditionelle und kulturelle Bedeutung hat. Schon heute sind rd. 500 Euro monatlicher Bedarfsatz und Elterngeld für die Geburt eines Kindes ein durchaus wichtiger Faktor bei der Familienplanung. Die Erziehungskompetenz nimmt leider nicht im gleichen Umfang zu.

Alle diese Aspekte, die wir hier in der letzten Stunde miteinander beredet haben, sind aber auf der kommunalen Ebene nicht zu bewegen, sondern erfordern eine Umstellung im System. Sie haben mich gefragt, ob ich eine Kulturrevolution will. Ich will keine Revolution. Ich will einfach nur, dass wir zur Kenntnis nehmen, welche Gesetzmäßigkeiten sich in unserem Land vollziehen. Ich habe Ihnen vor einer dreiviertel Stunde vorgelesen, dass es schon 1979 das Tagesthema war. Wir schlummern sozusagen seit fast 30 Jahren.

Periskop
Wenn jede Änderung mindestens zehn Jahre braucht, bis sie wirkt, sollten wir dann jetzt nicht lieber alle aus Neukölln wegziehen, oder sollten wir warten, bis sich etwas ändert?

Herr Buschkowsky
Wenn ich der Meinung wäre, wir sollten alle aus Neukölln wegziehen, dann wäre ich ja schon weg, denn ich könnte es mir wohl leisten, in Dahlem zu leben. Nein, ich halte es lieber mit dem wunderbaren Zitat aus Wallenstein: „Spät kommt ihr, aber ihr kommt.“

Ansonsten habe ich die Frage, was zu tun ist, nun schon mehrfach beantwortet. Wir müssen Bildung in die Köpfe der Menschen bringen. Nur Bildung ist der Schlüssel, um das weitere Anwachsen von Unterschichten und Unkultur einzudämmen. Dafür müssen wir das System von individueller Geldförderung auf institutionelle Familienförderung umstellen. Das heißt konkret, Einführung der Kindergartenpflicht und Abschaffung der Hauptschule zugunsten der Ganztagsschule. Dazu gehört natürlich auch Qualifizierung des Bildungssystems und die selbstbewusste Durchsetzung der Regeln. Die Qualität einer Gesellschaft misst sich auch daran, wie sie sich gegenüber ihren Schwächsten verhält. Und die Schwächsten sind die Kinder, nicht die armen Eltern. Der Schwache braucht einen starken Staat. Friedrich Wilhelm I. führte 1717 die allgemeine Schulpflicht gegen den erbitterten Widerstand der Bevölkerung ein. Wir sind heute an einer ähnlichen Stelle.

Periskop
Vielen Dank für das Interview.