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Periskop 2005 / 04
Ludger Wimberg
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Der Gemeinwohler

Ludger Wimberg



"Das hier ist Herr Wimberg. Folgen Sie ihm einfach, dann sitzen Sie im richtigen Kurs." Wir gehen den langen Flur entlang zum Seminarraum. Adla ist 21, kommt aus Neukölln und ihre Eltern sind türkisch. Adla ist das erste Mal hier. "Boschweg, AFB" steht auf ihrem Zettel. Auf meinem steht "Kommunikation". Für 28 Meter Flur war das schon ganz gut.

Seit über 25 Jahren gebe ich Kurse. Rhetorik, Motivationstraining, Existenzgründerseminare, Presse- und Öffentlichkeitsarbeitskurse, Kultursponsoring, Konfliktmanagment, Filmdramaturgie, vieles und eben auch Kommunikation.

Der Raum ist gefüllt. Jedes Mal habe ich Lampenfieber, wenn ein Kurs neu beginnt. Am Anfang ist alles fremd, was da vor mir sitzt. Eine Gruppe von Menschen aus unterschiedlichen Ländern mit ganz unterschiedlichen Lebenswegen und Erwartungen zwischen 19 und 63. Instinktiv bereite ich mich auf die Flucht vor. Die Durchblutung nimmt zu, die Muskulatur lockert sich, Adrenalin wird ausgeschüttet, wo ist die Tür? Doch nach sieben Sekunden stelle ich fest: Es wird wieder gut. Ich lehne mich zurück. Wir werden eine gute Zeit haben zusammen, die Reise kann beginnen. "Sind sie alle MAE, Reinigung?" Natürlich nicht. Lehrerhelfer und Hausmeisterhelfer, Reinigung und Küche, einer gehört zu den Grünanlagen und zwei gehören zur Kultur.

Mehraufwandsentschädigte. Klingt irgendwie nach "versehentlich im Knast gewesen". 20 Euro in Deutschland für jeden unschuldig gesessenen Tag. MAE ist etwas weniger, 1,50 für jede Stunde. Ob schuldig oder unschuldig.

Metin aus der Türkei, 47, 22 Jahre in Deutschland gearbeitet, Maschinenführer, Firma pleite, Arbeitslosengeld II, MAE, 4 Kinder, 10,14,16,18; Advine aus Indien, 44, 18 Jahre Deutschland, keine Ausbildung; Martin aus Russland 54, Ökonom, hier nicht anerkannt, 2 Jahre Deutschland. Klaus aus Neukölln, 62, ein Leben lang gearbeitet und dann Hartz IV...

18 Menschen sitzen in diesem Raum, 18 Lebensgeschichten, 18 Familien, 18 mal MAE und 18 mal Zukunft. Deutschland teilt sich nicht in arm und reich. Deutschland teilt sich in Zuwendungsempfänger und Sozialabgabepflichtige. Auf einen Zuwendungsempfänger kommen inzwischen nur noch knapp zwei Abgabepflichtige und die werden immer weniger. Hier sitzen die Zuwendungsempfänger und die werden immer mehr. Das rechne sich schon lange nicht mehr. Waren es früher FKZs, ABMs, IDAs...... sind es heute MAEs. 35.000 Ein-Euro-Jobber in Berlin sollen es dieses Jahr werden; sie tauchen in Arbeitslosenstatistiken nicht mehr auf. Das bedeutet, sie sind nicht arbeitslos. Doch sie fühlen sich nicht so. Sie haben Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung, so offiziell.

Temelli ist 41, er arbeitet auf dem Friedhof, spielt meisterhaft Saz und singt in einer türkischen Volksmusikgruppe.
Oyanedel kommt aus Palestina und macht Salsa-Percussion, Sascha ist 26, zeichnet und fährt Wasserski.
Niemand hat sie jemals danach gefragt.
Auf die Frage was sie können sagen sie: arbeitslos. Danach ist das Gespräch meistens zu Ende.

"Was ist nicht Kommunikation", frage ich. Still und zaghaft kommen erste Versuche. Schweigen, schlafen, ein Besen, eine Wand. Auf die Frage eines Journalisten, sagte der Minister nichts. Danach steht in allen Zeitungen: "Der Minister sagte nichts. Für uns heißt das....".
Ist Schweigen mehr als Reden? Ein BSR Mann geht ohne seinen Besen über den Gehweg. Er nähert sich einer Gruppe türkischer Jugendlicher. Auf seine Bitte, ihm doch Platz zu machen, dröhnt es vor Gelächter. Ein BSR Mann geht mit seinem Besen über den Gehweg. Er nähert sich der gleichen Gruppe, sie gehen zur Seite, kommentarlos. Kann ein Besen reden? Vladimir, 55, arbeitet als Hausmeisterhelfer in einer Schule. Die Kinder sind manchmal hart zu ihm, doch wenn er eine Besen in der Hand hat, dann nicht. Jetzt weiß er warum. Sein Besen kann reden.

In diesem Seminarraum sitzen heute 18 Menschen mit über 500 Jahre aktives, aufmerksames Leben, mit Lebenserfahrung und vielfältigem Wissen. Kann ich sie belehren? Ich glaube nicht; ich kann ihnen das eigene Wissen zeigen, sie spiegeln. Tausende von Kursteilnehmer seit über 25 Jahren auf dem Weg nach Innen, eine Reise, die ich nur von außen begleiten kann. Sie wird auch diesmal wieder gut gehen. Ich bin mir sicher.

Es geht um Kompetenzen und das kommt von competare und das heißt: "Sich zuständig fühlen". Genau hier wird die begleitende Qualifikation im Rahmen der MAE Maßnahmen so wichtig. Sich zuständig fühlen für sich selbst da sein, kompetent sein. Über Jahre haben die Teilnehmer die Zuständigkeit an Behörden abgegeben. "Zuwendungsprofis" durchlaufen teilweise über 10 Jahre die verschiedenen Maßnahmen der Arbeitsämter. Kaum jemand hat nach ihren Kompetenzen gefragt, niemand ihre Fähigkeiten entdeckt, am wenigsten sie selbst.

Wer sich heute bewirbt, braucht einen Lebenslauf, einen EU-genormten Lebenslauf. Genannt werden sollen soziale, künstlerische und technische Kenntnisse, sogar wenn sie nicht durch Zeugnisse belegt sind. Engagement im Sozialbereich, im Sport und in der Kultur sollen erwähnt werden. Gefragt ist: Sich von der Masse absetzen, seine Ecken und Farben zeigen. Kinder können das mit fünf Jahren, sie reden, malen, singen, tanzen und kommunizieren in alle Sprachen der Welt problemlos im Sandkasten. Nach der Schule sind es häufig graue Kästen, die gut ins Regal passen. Nicht auffallen, nicht anecken, sich fügen. Das ist heute vorbei. Auffallen, stören, nicht Erwartetes präsentieren, sich in Erinnerung bringen; Individuelle Selbstinitiative heißt das auf Neudeutsch. Anne, 52, kocht gerne und spielt Flöte, Mike ist 48 und Meister in einer asiatischen Heilkunst und Karl Hermann, 47 hat sich spezialisiert auf Reptilien. Alle sind seit Jahren arbeitslos. Warum? Im ersten Moment ist man geneigt, diese Kompetenzen unter privat aber durchaus interessant abzubuchen. Doch sie sind mehr, sie sind der Schlüssel für diese so gewünschte selbstinitiative Lebenseinstellung. Das müssen erst einmal sie selbst begreifen. Die Startposition ist der Ein-Euro-Job und diese Position ist sehr günstig.

Beschäftigungsfelder wie Gesundheit und Pflege, Jugend und Bildung, Naturschutz und Grünanlagen sowie Arbeit in kulturellen und wissenschaftlichen Einrichtungen werden auf Grund ihres nichtgewinnbringenden Charakters auf absehbare Zeit nicht mehr finanziert. Daher sind es die idealen Beschäftigungsfelder für "Zuwendungsempfänger". Die Solidargemeinschaft (Staat) zahlt und setzt gleichzeitig diese Menschen in sinnvolle Bereiche ein, die sie nicht mehr bezahlen kann. Die Beschäftigten bekommen eine gesellschaftliche Anerkennung auf Grund ihrer sinnvollen, vernünftigen und logischen Beschäftigung. Die Solidargemeinschaft profitiert mehrfach. Zufriedene Menschen in sinnvoller Tätigkeit. Doch es ist ein langer Weg. In der Vergangenheit wurden manchmal Maßnahmen bewilligt, die weder sinnvoll waren noch die Menschen zufrieden machten.

Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Arbeit die geschaffen wurde um Arbeit zu haben. Die Beschäftigten konnten nicht mit Stolz erzählen, was sie gerade machen. Denn ihre Arbeit kannte keiner. Der Inhalt der Ein Euro Jobs erfüllt dagegen die Beschäftigten mit Stolz. Es war der Inhalt, diesmal nicht der Name. Die abwertende Bezeichnung entstand im Streit der Politik. Eine neue Bezeichnung dieser Tätigkeit ist überfällig. Ein Widerspruch macht sich hier stark bemerkbar. Die Teilnehmer der MAE-Maßnahmen sind zufriedener als ihre Bezeichnung in der Öffentlichkeit hergibt. Wie wäre es mit soldiarbeschäftigter Gemeinwohler oder mit Solidar und Solidatin. Franz ist 52, er weiß, das er niemals wieder auf dem Bau arbeiten kann und auch niemals mehr möchte. Er arbeitet als Hausmeisterhelfer und hängt an dieser Beschäftigung. Die Lehrer mögen ihn, die Kinder auch. Er baut im Sportunterricht mit dem Sportlehrer die Geräte auf, manchmal schon in der Pause, damit die Kinder länger Sport haben. Er will dort bleiben, für immer. Doch das geht nicht. Er weiß das auch. Er würde auch ohne Geld arbeiten sagt er, einfach nur dableiben. Er findet dort Anerkennung für das was er tut. Er findet die Geltung, die ihm in seinem Alter gebührt. Er findet die Freiheit und Selbständigkeit, die er sich immer so gewünscht hat und er findet die Sicherheit, das man ihm früh genug sagt, wann etwas nicht mehr geht. Das hat er auf dem Bau nie erlebt. Fast wäre er endgültig gescheitert und ein teurer Fall für die Solidarkasse geworden. Er hat getrunken, seine Familie hat ihn verlassen. Lange Zeit ist er morgens gar nicht mehr aufgestanden. Doch das ist vorbei.

Stolz erzählt er von seiner Arbeit und alle hören zu. Wir diskutieren über die Kompetenzen von Franz. Über seine Kommunikationskompetenz oder wie kann er sich präsentieren, über seine Rechtskompetenz oder wie kann er sich schützen, über seine Medienkompetenz oder was kann er noch glauben, über seine Fachkompetenz oder wo ist er einfach besser als die anderen, über seine Ich-Kompetenz oder wie selbstbewußt ist er eigentlich, über seine Sozialkompetenz oder was tut er für die anderen und über seine Beziehungskompetenz oder wie lebt er mit und erlebt er das andere Geschlecht. Er ist ein Beispiel und es dauert lange, bis wir ihn entlassen. Vieles wurde aufgewühlt, die Teilnehmer sind aufgeregt, sie wollen auch erzählen. Auf die Frage, wer morgen dran sein will, melden sich zu viele. Die Aufgabe für den nächsten Tag ist damit gestellt. Jeder der Teilnehmer soll Zuhause, mit Partner und Familie herausfinden, wo die eigenen Kompetenzen liegen. In die eigene Geschichte reisen, noch einmal zublicken, Auffälliges Entdecken und aufschreiben.

Das ist nicht einfach, vor allem dan nicht, wenn das Deutsch des Teilnehmers schwach ist. Ein altes Problem. So überlege ich bis morgen, wer der Mentor wird von wem. Der muttersprachliche Deutsche bekommt einen nicht deutschmuttersprachlichen Teilnehmer und betreut ihn über die doch manchmal schweren Kommunikationshürden und über die gesamte Zeit, die wir miteinander haben. Diese kurze Zeit der Qualifikation ist wie eine kleine Reise für die Teilnehmer und für mich. Ich kenne das Ziel, doch manchmal lande ich dort, wo ich noch nie war. Diese unbekannten Gegenden wollen entdeckt werden. Dafür kann ich mich auch noch nach über 25 Jahren Tätigkeit begeistern. Das merken die Teilnehmer. Und so gebe ich ihnen etwas zurück: Mut zum Aufbruch, Begeisterung für Fremdes, Reiselust. Die Lösungen aller Probleme liegen auf unbekanntem Gebieten. Denn wäre es nicht so, hätten wir keine Probleme und keine Ziele. Eine Reise hat begonnen. Morgen ist der nächste Tag.