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Periskop 2001 / 01
Interview
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Interview
mit dem
Staatssekretär im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Herrn Peter Haupt


Das Interview für Periskop führten Dorit Gade und Farhad Sharafat Vaziri

Periskop:
Vor knapp drei Jahren erteilte das Bundesministerium für Arbeit den Auftrag, ein Modellhandbuch für Qualitätsmanagement für Beschäftigungsgesellschaften zu erstellen. Der AFB hat als einer von 11 bundesweit ausgewählten Trägern an diesem Projekt teilgenommen.

Welche Rolle spielt Qualitätsmanagement in ihrem Bereich?

Herr Haupt:
Unser Ziel ist es, gute Leistungen für die Bürgerinnen und Bürger im sozialen Bereich zu erreichen. Eine Beteuerung reicht nicht aus, daß Wohlfahrtsverbände oder gemeinnützige Einrichtungen oder gute Menschen wirklich gute soziale Dienste leisten. Leistungssteigerungen im sozialen Bereich sind über ein Monopolsystem nicht zu erzielen, sondern über Wettbewerb. Der Wettbewerb im sozialen Bereich unterliegt allerdings anderen Regeln als denen der Wirtschaft. Es kann nur ein Wettbewerb über Qualitätsmanagement sein. Wir brauchen Qualitätsstandards, die nach einer breiten Diskussion in Deutschland festgelegt werden. Wir diskutieren, was wir uns leisten können und was wir uns leisten wollen: Wie wollen wir mit Alter, mit Kindern, mit Familien umgehen? Diese Fragen müssen immer wieder neu gestellt werden. Wir brauchen auch einen aktivierenden Sozialstaat. Ein moderner Staat muß Engagement der Bürgerinnen und Bürger ermöglichen. Nicht nur im Bereich des bürgerschaftlichen freiwilligen Engagements, sondern auch in einem Austausch über die Form von sozialen Leistungen.

Daneben brauchen wir eine Kontrolle der Wirkung von sozialen Leistungen. Der günstigste Anbieter ist nicht immer der beste, wie wir ihn uns vorstellen. Beim Qualitätsmanagement geht es um die Relation von Leistung zu tatsächlicher, möglichst bester Wirkung. Bei der Bewertung kann sich herausstellen, daß eine heute sehr günstige Leistung gar keine Wirkung erzielt. Wir brauchen sie also nicht. Oder eine günstige Leistung hat nicht die Wirkung, die wir uns vorstellen. Wir brauchen auch sie nicht - jedenfalls nicht in dieser Form. Geld darf nicht das einzige Kriterium sein; Qualität steht im Vordergrund.

Ich bin der Auffassung, daß diese Diskussion nicht von staatlicher Seite vorgegeben werden kann, sondern von Institutionen getragen werden muß, die die Leistungsempfänger vertreten. Qualitätssicherung können wir hier mit dem Thema Verbraucherschutz verbinden. Wir haben z. B. bei der BSE-Krise gesehen, wohin fehlender Verbraucherschutz im Bereich des Marktes führt.

Periskop:
Sie sagten, die Standards für ein Qualitätsmanagement werden erarbeitet, aber sie sollten nicht vom Staat vorgegeben werden. Wie weit ist man damit? Kann man bereits sagen, daß sich Qualitätsmanagement bei den Trägern durchgesetzt hat?

Herr Haupt:
Wir haben mit den Wohlfahrtsverbänden in Deutschland Strukturen, die europaweit einmalig sind. Die Wohlfahrtsverbände, der dritte Sektor, eine große Gruppe von nicht staatlichen Organisationen, erbringen im Rahmen des Subsidiaritätsprinzips soziale Leistungen. Sie wirken auf die Demokratie stabilisierend.

Viele von ihnen, wie z.B. Diakonie, AWO und Caritas, nur um einige wenige zu nennen, haben ein eigenes Qualitätsmanagement aufgebaut. Um die Vergleichbarkeit zu garantieren und die Qualitätsstandards weiterzuentwickeln, wäre z.B. ein nationaler Qualitätsrat denkbar. Bisher haben wir noch keine nationale Form gefunden, wie wir bestimmte soziale Leistungen auf nationaler Ebene weiterentwickeln. Denkbar wäre etwas Ähnliches wie ein TÜV für den Bereich der sozialen Leistungen: Man durchläuft ein bestimmtes Verfahren, erfüllt vorgeschriebenen Qualitätsstandards und erhält ein Zertifikat. Dies in Deutschland weiter zu entwickeln, halte ich für ein wichtiges Aufgabenfeld.

Periskop:
Im Prinzip ist man noch ganz am Anfang. Wie kann die notwendige Sensibilisierung und auch Qualifikation zu diesem Thema den Beteiligten nahegebracht werden?

Herr Haupt:
Wir haben erreicht, daß die Bundesinstitutionen, z.B. die Wohlfahrtsverbände, das Thema Qualitätssicherung als ihre Aufgabe verstehen. Wir stoßen zum Teil auf erhebliche Probleme, beispielsweise mit unserem neuen Heimgesetz. In dem Gesetz legen wir fest, was und wie im einzelnen geregelt werden soll. Uns wird ein hoher bürokratischer Aufwand vorgehalten. Die zehn Minuten für die Dokumentation könnten besser für ein Gespräch mit den Patienten genutzt werden. Doch mit der Dokumentation können wir vergleichen und eine lückenlose Betreuung sicherstellen. Überzeugungsarbeit bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist nötig, daß wir auf dem richtigen Weg sind.

Periskop:
Welche Rolle spielt die Zertifizierung eines Trägers, die eigentlich Ziel eines eingeführten Qualitätsmanagementsystems sein sollte?

Herr Haupt:
Das Ziel eines Qualitätsmanagements liegt nicht nur in der Zertifizierung. Vor der Zertifizierung wird in einem Betrieb eine Diskussion über Qualitätsstandards geführt werden müssen - das ein Ziel an sich ist. Der Grad der Professionalisierung nimmt in den Betrieben zu. Ein zertifizierter Betrieb kann sich mit dem Siegel als leistungsfähig bezeichnen. Er arbeitet nach bestimmten Prinzipien, ist kunden- und verbraucherfreundlich. Gerade im Bereich der sozialen Dienste entsteht oft - fälschlicherweise - der Eindruck, daß Hausfrauen, junge Leute im Rahmen des Freiwilligen Sozialen Jahrs oder Zivildienstleistende die Arbeit ersetzen könnten. Insoweit hat eine Zertifizierung auch eine wichtige Bedeutung, damit die Professionalisierung eines Bereiches vorangetrieben und sichtbar wird.

Periskop:
Sehen Sie das Problem der Crash-Zertifizierung, wie es sich beispielsweise im Bereich der Arbeitsmarktpolitik derzeit abzuzeichnen scheint?

Herr Haupt:
In der Arbeitsmarktpolitik gibt es die Sondersituation, daß Beschäftigungsgesellschaften mehr oder weniger auf Zeit angelegt sind. Ich halte sowohl im Bereich der Arbeitsmarktpolitik wie im Bereich anderer sozialer Dienste eine Zertifizierung für solche Betriebe für sinnvoll, die dauerhaft als Strukturmaßnahme im Land verankert sind. Eine Zertifizierung von vielen Beschäftigungsgesellschaften unabhängig von ihrer Bestandsdauer oder Bedeutung ist sicherlich schwierig. Deshalb muß vor der Frage der Zertifizierung der Beschäftigungsgesellschaft die Frage nach der Arbeitsmarktpolitik einer Region oder Stadt stehen: Soll auf den ersten oder im zweiten Arbeitsmarkt vermitteln werden, und wenn, in welcher Größenordnung. Wenn der Träger nur für ein oder zwei Jahre eine sinnvolle Tätigkeit macht, hat es wenig Sinn, sich in einen mehrmonatigen Zertifizierungsprozeß zu begeben.

Periskop:
Gibt es in Ihrem Ministerium auch Qualitätsmanagementbestrebungen?

Herr Haupt:
Ja, wir bemühen uns im Zusammenhang mit der Organisationsentwicklung, die wir für uns selbst als Behörde leisten, mit bestimmten Methoden, wie z.B. der Personalentwicklung, ein Qualitätsmanagement herzustellen. Wir stehen mitten im Prozeß.

Lassen Sie mich Beispiele nennen: Zu einem Qualitätsmanagement gehört, daß man die Arbeitszeit so gestaltet, daß Frauen und Männer ihre Familie und ihren Beruf besser vereinbaren können. Dazu gehört das Thema Tele-Arbeit, bei der mit neuen Technologien von zu Hause aus bestimmte Tätigkeiten erledigt werden können, so daß Kinder zu Hause betreut werden können. Dazu gehört das Thema der Förderung der Mitarbeiterinnen: Frauenförderpläne sind ein Element der Qualitätssicherung, "Gender Mainstreaming" der Bundesregierung im Regierungsgeschäft ist ein weiteres. Beim "Gender Mainstreaming" soll das Gesetzgebungsverfahren mit den Augen der Frauen betrachtet werden, damit beurteilt werden kann, inwiefern es unter frauenpolitischen Gesichtspunkten vernünftig ist. Uns fehlt für ein solches Qualitätsmanagement eine breite Datenbasis. Nehmen Sie die Situation der Frauen in den kleinen und mittleren Betrieben. Wenn wir die Daten nicht haben, können wir an dieser Stelle schlecht etwas verändern. Insofern haben wir das Bewußtsein für Qualitätsmanagement, das wir auch in unserem Ministerium weiter fördern - den Prozeß haben wir aber noch lange nicht abgeschlossen.

Periskop:
Wir bedanken uns für das Gespräch.